Spalatin, der große Sohn unserer Stadt

Der Heimatverein »Spalter Land« und Spalatin

Spalatin
Spalatin
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Es war vor über 500 Jahren, als ein kleiner Georg in Spalt geboren wurde. Ihm war wahrhaftig nicht in die Wiege gelegt, dass er in die Geschichtsbücher Eingang finden würde. Seine Aussichten auf ein einigermaßen gutes Leben waren ausgesprochen miserabel, denn er wurde unehelich geboren und war nach damaligem, engen Moralverständnis ein Kind der Sünde. Seinen Leidensgenossen dieser Art war fast durchgängig ein Leben in Not auf der untersten sozialen Stufe bestimmt. Spalatin empfand seine Herkunft ein Leben lang als ein großes Problem und tat alles dafür, die familiären Hintergründe zu verdecken. Ja, man muss wohl sogar davon ausgehen, dass er bewusst alle Zeugnisse seiner Herkunft beseitigte. Ansonsten war er ein Vielschreiber, der alles minutiös festhielt – ordentlich nach der Art eines Chronisten und Archivars. Die frühere Version, dass er unehelicher Sohn eines Spalter Rotgerbers namens Burkhardt war, kann nicht der Wahrheit entsprechen. Dieser verstarb kurz nach der Geburt seines ihm „unterschobenen“ Kindes, hätte ihm daher keinerlei Förderung zukommen lassen, wenn er dies überhaupt gewollt hätte.

Der junge Spalatin

Der junge Spalatin
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Es war kein Leichtes, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Einige Zeugnisse blieben in Briefen und Berichten, sowie in Chroniken eben doch erhalten. Interesse an einem solchen Versteckspiel konnte nur ein hoher Geistlicher haben, der nicht offiziell Vater sein durfte, geschweige denn in einem Konkubinat mit der Mutter leben durfte, aber nach außen hin uneheliche Kinder seiner Haushälterin von anderen Vätern schon liebend betreuen konnte. Nach allen vorhandenen Indizien fokussiert sich nach neuen Theorien die Vaterschaft auf den Dekan des Nikolausstiftes zu Spalt, Dr. Ferber.

Dieser hohe Geistliche konnte Georg an seiner Spalter Stiftsschule ausbilden lassen, auf die höhere Schule nach Nürnberg schicken und schließlich an den Universtäten Erfurt und Wittenberg als Selbstzahler studieren lassen. Das abrupte Ende der Alimentation des Studenten Spalatin vor dem juristischen Examen fällt zeitlich mit dem katastrophalen Niedergang und Vertreiben des Dekans aus Spalt zusammen.

Georg war ein hochbegabter, äußert liebenswürdiger Mensch, der auch noch ein angenehmes Äußeres aufwies. Er war nicht groß und von zarter Gestalt. Die neue, freimütige Welt des Humanismus nahm ihn auf und fast jedermann, der ihm näher kam, wollte der Freund dieses gebildeten, netten jungen Mannes sein, der auch dichten konnte und mit einfallsreichen Trinksprüchen bei geselligen Abenden hervor trat.

Er sprach die damalige Sprache der Internationalität und Bildung, das Latein, perfekt und war nicht nur bei den antiken Schriftstellern daheim sondern auch als wissenschaftlicher Historiker in der Geschichte des Abendlandes. Das alles war nicht genug, um aus dem Schatten heraus zu treten. Freunde und Förderer begleiteten seinen Lebensweg mit traumhafter Protektion.

Zunächst war es einer der großen deutschen Humanisten, der sein väterlicher Freund und Förderer sein wollte. Er hieß Mutianus. Sein größtes Vergnügen war es, seine Humanistenfreunde an einflussreichen Stellen unterzubringen. Die Mode der Zeit, einen lateinischen Namen anzunehmen, machte auch bei Georg nicht Halt. Er nannte sich lateinisch nach seiner Heimat Spalt: Spalatinus, der kleine Mann aus Spalt.

Zunächst brachte es Mutianus fertig, den plötzlich mittellosen 21 jährigen Freund im nahen Zisterzienser Kloster als Novizenlehrer zu vermitteln. Drei Jahre lehrte er dort und lernte auch viel dazu.

Der Pfarrer Spalatin
Der Pfarrer Spalatin
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Ohne Theologe zu sein, ließ er sich von seinem Abt eine Pfarrei als Pfründe zuschanzen, um finanziell unabhängig zu werden. Als Unehelicher wäre dies ohne päpstlicher Dispens rechtlich nicht legal gewesen. Die Beziehungen machten es möglich. Moralische Bedenken hatte er deshalb nicht. Spalatin musste nur die Priesterwehe nachholen und ließ einen Vikar für sich arbeiten.

Wieder war es der väterliche Freund Mutianus, der noch mehr mit Spalatin vorhatte. Er brachte das Kunststück fertig, ihn als Fürstenerzieher beim bedeutendsten Kurfürsten des Reiches Friedrich dem Weisen unter zu bringen. Er hatte später die Neffen seines Herren an der Universität Wittenberg zu betreuen und lernte dort Martin Luther kennen, der dort als bedeutendster Professor lehrte. Obwohl die Beiden sehr unterschiedlich ausgeprägt waren, entwickelte sich eine lebenslange, enge Freundschaft. Über 400 erhaltene Briefe Martin Luthers an Spalatin zeugen davon.

Kurz vor dem bald 500 Jahre alten Thesenanschlag Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg holte der sächsische Kurfürst Spalatin als engsten Mitarbeiter und Berater zu sich. Die 95 Thesen Luthers gegen den Ablasshandel brachten Bewegung in die festgefrorenen kirchlichen Lebensformen. Urplötzlich sah die damalige Welt nach Wittenberg und Sachsen. Die sehr reformbedürftige, katholische Kirche wollte den Angriffen auf die Geldgierigkeit Roms mit den alt–bewährten Abwehr-Methoden gegen Ketzer begegnen: Ketzerprozess und Scheiterhaufen. Das ging aus verschiedensten Gründen nicht mehr, da auch eine Sympathiewelle für den mutigen Mönch Luther durch das Reich ging.

Spalatin hatte einen erheblichen Anteil daran, dass die alten Methoden Roms nicht mehr erfolgreich waren. Sein Herr war zwar alles andere als ein Kritiker der katholischen Kirche. Ohne seinen Vertrauten Spalatin hätte er dem Reformator Martin Luther sicher keinen Schutz gewährt. Dieser handelte bei allen gefährlichen Entwicklungen der Zeit als Freund seines Freundes Martin, den es zu schützen galt.

Seine größten Erfolge waren : Die Umwandlung der Vorladung Luthers zum Ketzerprozess nach Rom 1518 in eine Anhörung durch Kardinal Cajetan in Augsburg.

Die Zulassung Luthers zum großen Reichstag in Worms 1521 als Redner vor Kaiser und Reich zur Verteidigung seiner revolutionären Gedanken.

Der Scheinüberfall auf den vogelfrei erklärten Freund und sein Versteck auf der festen Burg, der Wartburg.

Durch sein diplomatisches Geschick erreichte Spalatin nicht nur die Rettung seines Freundes Luther sondern auch die Verbreitung der Reformation bis 1525 in Deutschland und vielen Teilen der Christlichen Welt.

Spalt war zum Teil katholisch geblieben oder nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 wieder katholisch gemacht worden. In den Jahrhunderten danach, die von einem erbitterten Kampf zwischen den Konfessionen geprägt waren, konnte Spalatin in seiner katholischen Heimat nicht zu Ehren kommen.

Nach 500 Jahren der Verleumdungen und Verunglimpfungen daheim wurde es Zeit, den größten Sohn der Stadt Spalt zu rehabilitieren. Diese wichtige Rolle fiel dem Heimatverein zu, der Vorsitzende wie den Historiker Ulsamer hatte, die nicht mehr dem alten und engstirnigen Denken : Katholisch gut – Evangelisch schlecht - anhingen.

In den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts brachte der Heimatverein eine Gedenktafel an den mutmaßlichen Geburtshaus Spalatins an. Es handelt sich um das Haus eines Stiftsdekans und sicher nicht eines Rotgerbers.

Den 500 jährigen Geburtstag beging man mit einer denkwürdigen Veranstaltung, bei der die maßgebliche Spalatin-Forscherin Irmgard Höss referierte. Gleich zwei Jahreshefte widmete der Heimatverein Themen um Spalatin und 2013 ein weiteres mit einer Kurzbiografie. (Anmerkung des Webmasters: Diese Biographie ist auch von Martin Burkert verfasst worden.)

Die Krone des Gedenkens stellt das vielbeachtete Spalatin – Denkmal der Künstlerin Verena Reimann dar, das der Heimatverein zur 1200 Jahrfeier Spalts im Jahr 2010 stiftete. Der fränkische Reformator durchbricht die Mauer an der katholischen Nikolauskirche und steht davor „Frank und Frei“.

Die Mauer in den Köpfen ist immer noch nicht ganz überwunden.

 

Spalatin tritt hinaus
Spalatin tritt aus der Kirchenmauer
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Martin Burkert, im Mai 2015, Spalt


Bildnachweise

Bild 1: Joachim Schäfer - Ökumenisches Heiligenlexikon.
Bild 2: Wikipedia - Spalatin von Lukas Cranach
Bild 3: Wikipedia - Georg Spalatin von Lucas Cranach dem Jüngeren
Bild 4: Martin Burkert, Spalt


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